Ihaia Te Kirikumara ben Awraham?
Was ist Ihre Meinung: Ist dieser nette junge Mann jüdisch?
Bevor sie auf „Nein“ tippen, bedenken Sie bitte zweierlei: Erstens sollte man Menschen nicht nach ihrem Aussehen katalogisieren. Das ist stigmatisierend, kolonialistisch, kurz: schrecklich rassistisch! Aber darüber hinaus gibt die Halacha ihm recht, sollte er vor einem Rabbinatsgericht (Beth Din) erscheinen und behaupten, dass er Jude ist. Der allgemein akzeptierte Religionskodex „Schulchan Aruch“ schreibt (Jore Dea, 268:10): Wer sagt, dass er kein Jude war und vor einem Rabbinatsgericht konvertierte, ist glaubwürdig. Aus zwei Talmudstellen in den Traktaten Pessachim und Jewamot lässt sich ableiten, dass dies auch für jemanden gilt, der behauptet, von Geburt Jude zu sein, und so haben es auch mittelalterliche und modernere rabbinische Autoritäten verstanden. Damit dürfte der Aufnahme unseres Freundes in die jüdische Gemeinde nichts mehr im Wege stehen.
Sein Name ist übrigens Ihaia Te Kirikumara, und bis zu seinem Tod 1873 war er Rangatira (Häuptling) eines Maori-Stamms (Quelle: Wikipedia, war ja klar). Wie so viele den Europäern unbekannte Völker, wurde auch über die Maori nach ihrer „Entdeckung“ spekuliert, ob sie vielleicht Nachkommen der 10 verlorenen Stämme Israels seien, und nicht wenige Maori adaptierten diese Idee. Wenn Tukukino (oder sein Nachfahre) mit seinen Untertanen also vor einen Beth Din erschienen, dürfte die Sache klar sein und der massenhaften Einwanderung der Maori nach Israel nichts im Wege stehen: Nicht nur, dass jeder als Juden anzusehen ist, der sich als solcher deklariert. Darüber hinaus könnten sie sogar eine Tradition vorweisen, die sie als Juden qualifiziert! Die Maori sind übrigens Meister der Flachsflechterei; ein Berufszweig, der der israelischen Nationalökonomie wesentlich nützlicher wäre als hunderttausende russische Geigen- und Klavierspieler.
Alles klar also? Leider (oder glücklicherweise?) nicht, wie Sie feststellen werden, wenn Sie sich die Mühe geben sollten, diesen Artikel weiterzulesen.
Inspiriert zu diesem Artikel wurde ich durch meinen verehrten Freund Simcha Friedmann, einem international bekannten Experten auf dem Gebiet. Drei hebräischsprachige Bücher von ihm, die das Thema halachisch behandeln, sowie ein russischsprachiges Buch, das es belletristisch verarbeitet, habe ich in den „Dokumenten“ (6-9) veröffentlicht. Vielen Dank für die mir gespendete Zeit und die vielen Anmerkungen und Hinweise!
Wer ist ein Jude: Eigentlich gar keine Frage
Wer ist ein Jude? Bis zur Emanzipation der Juden – in Westeuropa im Laufe des 19. Jahrhunderts, andernorts später – war diese Frage fast immer sehr einfach zu beantworten. Wer immer Teil einer jüdischen Gemeinde war und ein jüdisches Leben führte, bei dem konnte man ungeprüft sicher sein, dass er „halachisch“ ein Jude war. Damals brachte es keinerlei Vorteile, aber umso mehr Nachteile, Jude zu sein; warum also hätte jemand sich selbst als Jude bezeichnen sollen, wenn er keiner war? Und auch die wenigen, die sich vom Judentum abgewandt hatten und taufen liessen, waren selbstverständlich halachisch immer noch Juden. Übrigens heirateten getaufte Juden (auch nach der Emanzipation) vielfach untereinander, weil sie selbst nach der Taufe in den Augen der Nichtjuden noch nicht richtige Christen waren, mit denen man eine Verheiratung in Betracht gezogen hätte. Somit waren also auch ihre Kinder (und vielfach sogar Enkelkinder) halachisch zweifelsfrei immer noch jüdisch. Prominente Beispiele wären die Eltern von Karl Marx (die sich allerdings erst nach der Heirat taufen liessen) oder Paul Reuter (eigentlich Israel Bär Josaphat), Sohn des Rabbiners von Witzenhausen (Nordhessen), Begründer der Nachrichtenagentur Reuters, der Ida Magnus, Tochter eines getauften jüdischen Bankiers, ehelichte.
Nach der Emanzipation und deren weiterer Entwicklung, die nun auch Zivilehen zwischen Juden und Nichtjuden sowie Konversionen zum Judentum ermöglichte, wurde es allmählich komplizierter.
Stand der Dinge heute
Vier Probleme sind es im wesentlichen, die heute diese Frage zu einer für Experten machen.
Das erste Problem: Die Emanzipation der Juden, zunächst in Europa und Nordamerika und dann auch andernorts, und die damit einhergehende Säkularisierung. Die Folge waren, sobald die Legalisierung oder sogar der Zwang zu Zivilehen es ermöglichten, eine gewisse Zahl von Eheschließungen zwischen Juden und Nichtjuden. Nach mehreren Generationen (in Deutschland war die Zivilehe seit 1876 verbindlich vorgeschrieben, also seit 6-7 Generationen) ist der Nachweis einer lückenlosen jüdischen Abstammung oft nicht leicht.
Das zweite Problem: Die unklare Definition, wer Jude sei. In der Sowjetunion war diese natürlich nicht halachisch, sondern im Sinne der sowjetischen Nationalitätenpolitik. Aber auch im „Westen“ ist die Lage nicht viel besser: Reformrabbiner passten ihre Definition, wer Jude sei, den demografischen Gegebenheiten ihrer Gemeinden an und behaupten, dass Judentum sei doch eigentlich ursprünglich patrilinear. Auch deswegen ist also, nach mehreren Generationen dieser Mißstände, eine eingehendere Prüfung vonnöten.
Das dritte Problem sind Konversionen. Eine durch ein nicht-orthodoxes Rabbinatsgericht durchgeführte Konversion (Giur) kann leider nicht halachisch gültig sein. Leider, weil viele dieser Konvertiten gerade in Deutschland eine Bereicherung für die Gemeinden wären. Warum nicht, ist ein Thema für sich, dass ich in einem separaten Artikel noch eingehender behandeln will. Nur soviel sei kurz gesagt: Der eigentliche Kern des Giur ist die Akzeptanz der Thora. Dies aber können sie von den Konversionskandidaten selbstredend nicht verlangen, schließlich betrachten sogar die Herren und Frauen Rabbiner selber die Thora nur als mehr oder weniger unverbindliche Tradition. Aber leider ist auch die Annahme, ein orthodoxer Giur sei ohne weitere Prüfung als gültig anzuerkennen, durchaus unzutreffend. Eine ungültige Konversion kann viele halachische Konsequenzen haben, unter anderem natürlich die, dass die Kinder und alle weiteren Generationen nicht jüdisch sind, wenn die „Stammmutter“ nicht jüdisch war, obwohl alle Nachkommen eine jüdische Erziehung erhielten und sich als Juden definieren. Aber es ist oft schwierig, nach mehreren Generationen die Gültigkeit einer Konversion zweifelsfrei festzustellen.
Und zuschlechterletzt, das vierte Problem: Betrüger. Jede Synagoge, jede jüdische Institution haben ihre Erfahrungen mit Menschen, die sich zwar jüdisch fühlen, sich als solche ausgeben und es gerne wären, aber eben nicht sind. Und das auch wissen, also betrügen. Und dann gibt es auch noch die, die sich keineswegs jüdisch fühlen und es auch nicht wirklich sein wollen, aber Dokumente fälschen und Zeugen kaufen, um in eine jüdische Gemeinde einzutreten oder die israelische Staatsbürgerschaft zu erhalten und die damit verbundenen Sozialleistungen zu erschwindeln.
Ein Freund sagte mir einmal im Scherz, dass man bei niemanden sicher sein könne, dass er Jude sei. Außer bei Konvertiten. Dies aber eigentlich auch nicht, denn vielleicht waren die Rabbiner des Rabbinatsgerichts keine Juden. Später stellte sich übrigens heraus, dass auch er selber kein Jude war, sondern einer, der sich „jüdisch fühlte“.
Wer ist Jude: Eine Frage der Politik?
Womit wir zu einem weiteren Aspekt der Frage „Wer ist Jude?“ kommen. Diese Frage ist nämlich nicht nur eine halachische, mit Konsequenzen, die einen säkularen Menschen meist nicht weiter interessieren. Ich kann nicht zur Thoralesung gerufen werden, bis meine Zugehörigkeit zum Judentum geklärt ist? Ich gehe sowieso nie in die Synagoge. Ich kann meine Freundin nicht in einer jüdischen Zeremonie heiraten, da sie vielleicht doch nicht jüdisch ist? Dann heiraten wir eben nur zivil. Unsere Kinder sind dann auch nicht zweifelsfrei jüdisch?Wenn sie das überraschenderweise stören sollte, können sie ja immer noch konvertieren. Und auch die Orthodoxen sollte es wenig stören, da sie nur untereinander heiraten. Das alles wäre noch zu bewältigen. Aber leider ist unsere Frage insbesondere in Israel, und in viel kleinerem Maße auch in Deutschland, eine höchst politische.
Eigentlich sollte in Israel diese Frage gar nicht existieren, da dort das Eherecht Angelegenheit der anerkannten Religionen ist, das orthodoxe israelische Oberrabbinat keine Heiraten zwischen Juden und Nichtjuden ermöglicht und nur orthodoxe Konversionen anerkennt. Aber leider ist die Situation in Israel vielleicht nur noch komplizierter als anderswo, ein weiteres Beispiel eines unlösbaren Problems in Israel, dem Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten.
Die Idee, dass außer den Arabern und anderen Minoritäten in Israel alle Juden sein, stimmte übrigens nie. Selbst einige Zionisten (wie der bis heute in gewissen politischen Kreisen Israels hochverehrte Sozialdarwinist Max Nordau) hatten nichtjüdische Frauen. Eine unbekannte Dunkelziffer von Einwanderern waren schon immer Nichtjuden, da sie (in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg, als viele Flüchtlinge aus begreiflichen Gründen keine Dokumente vorweisen konnten) keine Nachweise bringen mussten, sondern durch eine einfache mündliche Erklärung als Juden registriert wurden und sich so „einschmuggeln“ konnten.
Gemäß der offiziellen Daten des israelischen Innenministeriums lebten in Israel Ende 2024 ca. 248.000 Nichtjuden, die keine Araber sind, was 2.5% der Gesamtbevölkerung entspräche, neben 21% Araber und 76.5%, die als Juden registriert sind. Diese Zahl ist nicht wirklich kongruent mit einer anderen des Immigrationsministeriums, nach der allein zwischen 1990 und 2020 in Israel 402797 Nichtjuden einwanderten. Daher wird „inoffiziell“ von 520.000 Nichtjuden ausgegangen, die als Juden registriert sind, somit ca. 10% der „säkularen Israelis“ (über 20% der Juden in Israel sind orthodox-religiös). Dazu kommt noch eine nicht kleine Zahl von Einwanderern aus Gruppen, deren halachischer Status als Juden durchaus umstritten ist.
Wie konnte es dazu kommen?
Die Antwort auf die Frage, warum heute soviele säkulare Israelis keine Juden sind, findet sich in einem Paragrafen des „Gesetzes der Rückkehr“ (חוק השבות). Die Idee des Gesetzes war, dem Willen des Staates Israel Ausdruck zu geben, Heimstätte und Zufluchtsort für die Juden der ganten Welt zu sein. Aber Antisemitismus fragt nicht danach, ob eine Person halachisch jüdisch ist oder einfach nur „verjudet genug“, um sie zu hassen. Und da Israel zwar ein jüdischer, jedoch säkularer Staat ist, wurde auch nichtjüdischen Ehepartnern und Kindern jüdischer Väter die Möglichkeit gegeben, die israelische Staatsbürgerschaft mit der Nationalität (die in Israel, ähnlich wie in der Sowjetunion, in vielen Dokumenten eingetragen wird) „Jude“ (יהודי) zu erhalten. Später wurde dies auch auf Enkel ausgedehnt. Konvertiten zumindest wurden nur dann anerkannt, wenn sie den halachisch fundierten Kriterien des israelischen Oberrabbinats entsprachen, aber auch das wurde durch in Urteil des obersten Gerichts aufgehoben, so dass heute grundsätzlich jeder Konvertit die israelische Staatsbürgerschaft erhalten kann.
In den Anfangsjahren des Staates ergaben sich daraus keine größeren Probleme. Denn nur wenige „Westler“ waren bereit, ihr komfortables Leben aufzugeben, um mit nichtjüdischer Frau und Kindern in das von Kriegen und Krisen geplagte rückständige Israel zu ziehen. Nicht einmal Skifahren kann man dort! Aber dann erhielten in zwei Wellen die Juden der Sowjetunion bzw. GUS die Möglichkeit, nach Israel auszuwamdern. Und so kamen von dort 1969-1975 ca. 100.000, und 1989-1999 sogar ca. 820.000 Neueinwanderer nach Israel, und seit 1999 bis heute weitere ca. 250.000. Unter diesen Neueinwanderern waren auch viele Nichtjuden, die jetzt den „Ehepartner- und Enkelparagraf“ ausnutzten, und eine mutmaßlich nicht kleine Dunkelziffer von Betrügern. In den Jahren nach 1999 ging die Zahl der Neueinwanderer aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion zwar auf wenige Tausende pro Jahr zurück, aber der Anteil der Nichtjuden unter diesen Nachzüglern stieg stetig an. Eine offizielle Statistik des wissenschaftlichen Dienstes der Knesset stellte für 1990, auf dem Höhepunkt der Einwanderungswelle, einen Anteil von 6.9% Nichtjuden unter diesen Einwanderern fest. Aber bis 2020 stieg ihr Anteil auf 71.7% an (und hat sich seitdem weiter erhöht).
Nur nebenbei bemerkt: Israel ist nicht groß genug für zwei Staaten. Und auch aus anderen Gründen ist die Idee der „Zwei-Staaten-Lösung“ eine Totgeburt, aber das ist hier nicht das Thema. Daher ist es in Israel unumstrittener Konsens, den Urenkeln von aus Israel ausgewanderten Arabern (teils vertrieben, teils freiwillig, was aber nach 80 Jahren genauso wenig eine Rolle spielen sollte wie bei Schlesiern oder Krimtataren) nicht „Das Recht der Rückkehr“ einzuräumen. Aber warum dürfen dann Ehepartner der Enkel von Juden, die selber keine Juden sind, nach Israel einwandern? Die Antwort ist die panische Angst des Staates vor einer wegen der höheren Geburtenquote unter den Arabern absehbaren arabischen Mehrheit. Da eine „halachisch jüdische“ Mehrheit nicht sichergestellt werden kann, reicht es aus, „nicht-arabischer loyaler Israeli“ zu sein. Diese Angst ist ein Paradigma der israelischen Politik, das jeden Versuch, das „Rückkehrgesetz“ zu ändern, scheitern liess. Und damit die Frage „Wer ist Jude“ (מיהו יהודי), zu einer politisch höchst brisanten macht, die seit der Staatsgründung immer wieder diskutiert wird. Übrigens: Auch der hastige einseitige Rückzug aus dem Gazastreifen (dessen Früchte wir am 7. Oktober 2023 ernten durften) wurde damit begründet.
Eine Studie von Prof. Sergio de la Pergola (Institut für zeitgenössisches Judentum, Hebräische Universität Jerusalem) errechnete für 2014 eine Zahl von 14.212.800 „halachischen Juden“ mit einem jährlichen Wachstum von 0.66%. Aber unter Berücksichtigung der nichtjüdischen Kinder und Enkel steigt die Zahl der potentiellen Israelis auf 22.951.500. Noch nicht mitgezählt sind die nichtjüdischen Ehepartner. Mit diesen zusammen kämen wir auf wohl weit über 30 Millionen, und damit auf eine klare nichtjüdische Mehrheit. Das Recht auf Rückkehr für palästinensische Flüchtlinge und deren Nachkommen ist zweifelsohne eine demografische Bedrohung für den jüdischen Charakter des Staats Israel. Aber das „Gesetz der Rückkehr“ in seiner jetzigen Form ist es auch.
Doch nicht nur der „Ehepartner- und Enkelparagraf“ ist problematisch. Er stellt keine Definition dar, wer Jude sei, sondern erweitert das Recht der Erlangung der Staatsbürgerschaft auf einen bestimmten, mit „halachischen Juden“ in Bezoiehnung stehenden Personenkreis. Wer aber ist nach diesem Gesetz überhaupt Jude? „Jedes Kind einer jüdischen Mutter oder Konvertiten, unter der Bedingung, das sie keiner anderen Religion angehören“ lautet die Formulierung. Die dahinterstehende Idee ist verständlich: Es können damit christliche Missionäre jüdischer Abstammung ferngehalten werden, denn Israel leidet schon genug unter der Spannung zwischen Säkularen und Orthodoxen und kann gerne auf „messianische Juden“ und dergleichen verzichten, wenn es einen „jüdischen Charakter“ bewahren will. Aber: Diese Definition ist halachisch falsch, denn ein Jude bleibt auch dann Jude, wenn er sich taufen lässt oder, wie leider nicht wenige Israelis, einer indischen Sekte angehört. Und die historische Erfahrung zeigt, dass Juden auch dann antisemitischer Verfolgung ausgesetzt waren, wenn sie sich taufen liessen. Und ganz nebenbei: Seit der massenhaften Einwanderung nichtjüdischer Russen (denen ein säkularer Staat natürlich nicht verbieten kann, keiner anderen Religion anzugehören) leben in Israel ganz legal viele Christen, und in jeder säkularen Stadt Israels gibt es heute Kirchen und einen geschmückten Weihnachtsbaum vor dem Rathaus. Wobei klar ist, dass auch dann, wenn das „Rückkehrgesetz“ sich strikt an der Halacha orientieren würde, z.B. getaufte Juden nur dann als israelische Staatsbürger akzeptiert werden sollten, wenn sie offiziell, wie von der Halacha gefordert, „zum Judentum zurückkehren“.
Noch ein paar Worte zur Situation in Deutschland. Ich will mich nicht unnötig auf Glatteis begeben, aber die Situation (nicht überall, aber vielerorts) ist allgemein bekannt. Fast jedes Gemeindemitglied, das einmal etwas gegen den Vorstand zu sagen wagte, wurde schon Opfer des beliebten Spiels „Der ist doch gar kein richtiger Jude“. Und auf die Rabbiner, die über die halachischen Voraussetzungen der Aufnahme in die Gemeinde entscheiden, wird Druck ausgeübt, damit die Störenfriede draussen bleiben und umgekehrt. Gegen das würde nur eines helfen: Eine Prüfung nach ausschließlich halachischen Prinzipien durch unabhängige. unvoreingenomme Experten.
Zusammengefasst: Wenn ich die Frage „Wer ist Jude“ politisiere, ist jeder allgemein akzeptablen Definition der Boden entzogen. Jeder wird dann nach seiner privaten Sichtweise definieren, wer für ihn Jude sei.
Wer ist Jude: Eine Frage der Genetik?
Eigentlich kenne ich mich mit Genetik nicht gut genug aus, um fundiert darüber zu schreiben. Was aber nichts an der Richtigkeit der Kernthesen ändert, die ich im folgenden skizziere.
Wenn wir die Frage „Wer ist Jude“ nicht politisieren wollen, könnten wir sie dann vielleicht wissenschaftlichen Kriterien der Genetik unterwerfen? Das folgende Zitat aus der Wikipedia („Aschkenasim-Genetische Studien“) lässt diese Idee plausibel erscheinen:
Mehrere wissenschaftliche Studien über die genetische Abstammung und Entwicklung der heute lebenden Juden kommen (…) zu dem Schluss, dass heutige Juden viele Gene von einer ursprünglichen jüdischen Bevölkerungsgruppe geerbt haben, die vor rund 3000 Jahren in dem (…) östlichen Mittelmeerraum lebte. Eine Arbeitsgruppe um den Genetiker Harry Ostrer untersuchte hierfür die DNA von 237 Menschen, deren Familien seit Generationen jüdisch sind und die die großen Gruppen der Diaspora repräsentieren (die Aschkenasim, die Sepharadim und die Mizrachim), und verglich ihre Erbinformation mit der von 2800 Nichtjuden. Laut dieser Studie sind sich die drei Diaspora-Gruppen genetisch näher als Nichtjuden der jeweils gleichen Region. Innerhalb jeder Gruppe seien die Personen so verwandt wie Cousins zweiten bis fünften Grades. Insbesondere die Verwandtschaft zwischen Aschkenasim und Sephardim sei überzeugend nachgewiesen worden.
Aber auch 100% „jüdische Gene“ sind kein Beweis, dass eine Person halachisch jüdisch ist. Denn diese „jüdischen Gene“ sind selbst wieder aus verschiedenen Quellen zusammengesetzt: Heutige Juden haben viele Gene von Juden geerbt, die vor 3000 Jahren im östlichen Mittelmeerraum lebten. Aber eben nicht alle. Und diese „fremden“ Gene könnten von einem nichtjüdischen männlichen Vorfahren in direkter Linie stammen, womit unser Kandidat halachisch kein Jude wäre. Zudem gibt es heute kaum einen Juden, der 100% „jüdische Gene“ hätte. Und es wäre dann zu prüfen, woher die „nichtjüdischen Gene“ stammen.
Daher können DNA-Tests halachisch nur akzeptabel sein, wenn sie etwas verifizieren, was wir sonst nicht nachweisbar war. Ein Beispiel wäre: Eine Person behauptet, jüdisch zu sein, mit dem Hinweis auf seine verstorbene jüdische Großmutter mütterlicherseits. Diese war zweifelsfrei jüdisch, aber die Beziehung zwischen ihnen kann durch Dokumente nicht zweifelsfrei festgestellt werden. In einem solchen Fall könnte ein DNA-Test als Beweis zugelassen werden.
Damit sollte klar sein, dass die Genetik die Frage „Wer ist Jude“ nicht beantworten kann. Aber leider wird die „jüdische Genetik“ auch politisch mißbraucht.
Seit Artur Koestlers 1976 erschienenen Buch „Der dreizehnte Stamm“ ist die These, dass Aschkenasim keine richtigen Juden sein, nicht aus der Welt zu schaffen und einer der Lieblingsideen moderner jüdischer und nichtjüdischer Antisemiten (der klassische Antisemitismus hatte keine Zweifel daran, dass Aschkenasim echte jüdische Untermenschen sind). Beispiele wären Debora Feldman, deren Buch „Überbitten“ diese Idee ausgiebig zitiert, und natürlich der israelische Historiker Shlomo Sand („Die Erfindung des jüdischen Volkes“). Und andererseits der Palästinenserpräsident Abbas (Abu Masen), der für blatante, in Deutschland strafbare, Holocaustleugnung seinen Doktortitel erhielt und argumentiert, dass der Massenmord an den Juden Europas schon deshalb eine zionistische Erfindung sei, da ja die Juden Europas- überhaupt keine Juden sind. Dabei ist Koestlers These der Abstammung von dem Turkvolk der Chasaren längst widerlegt, wie auch der bereits zitierte Wikipedia-Artikel erwähnt: Anhand der Studie sei auch sehr gut die Vermischung mit der europäischen Bevölkerung nachvollziehbar, so Ostrer. Die (…) Hypothese, die Aschkenasim stammten hauptsächlich von den Chasaren ab, sei durch die Genetiker auf diese Weise widerlegt worden. Zwar gebe es Hinweise auf eine „genetische Vermischung“ mit den Chasaren, doch sei dieser Einfluss aus wissenschaftlicher Sicht sehr begrenzt.
Die dort erwähnte „Vermischung mit der europäischen Bevölkerung“ ist das zweite Standbein der These, dass Aschkenasim keine richtigen Juden seien. In diesem Zusammenhang wird dann meist noch erwähnt, dass andererseits europäische Völker, und insbesondere die Deutschen, viele jüdische Gene hätten. Eine (mittlerweile wissenschaftlich überholte) Studie des Schweizer Igenea-Institus von 2007 stellte für die Deutschen 10% jüdische Gene fest. Von Salomon Korn, damals Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, wurde das wie folgt kommentiert:
Die Geschichte der Juden in Deutschland ist über 1700 Jahre alt – und damit älter als die vieler während der Völkerwanderung zugewanderter Stämme. Bis zum ersten Kreuzzug 1096 und nach der Emanzipation der Juden im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert hat es Mischehen zwischen Juden und Christen gegeben. Berücksichtigt man die Generationenfolge seit dieser Zeit, dann ist es nicht mehr verwunderlich, dass zehn Prozent der Deutschen Juden als Vorfahren haben.
Davon abgesehen davon, dass „Mischehe“ ein Begriff aus dem Vokubalar der Nazis ist (die sogar die Verwendung des Begriffs für alle anderen interkonfessionellen Ehen verboten), ist seine These auch faktisch falsch und Ausdruck der Agenda einer lediglich „kurzfristig“ (1096-1873) unterbrochenen „deutsch-jüdischen Symbiose“, die „Mischehen“ normalisiert. Vielleicht hätte Korn besser Zwangsheiraten (von jüdischen Sklaven der Römer mit Germanen), Zwangstaufen und Kindsraub als mögliche Gründe nennen sollen, sowie den „Taufwahn“ des 19. Jahrhunderts als Entrebillet zur deutschen Gesellschaft.
Aktuell wurden diese Zahlen übrigens weit nach unten korrigiert. Laut MyHeritage, dem größten Anbieter für DNA-Tests, haben nicht 10%, sondern 5.1% der Deutschen Juden als Vorfahren. Aber da jeder Europäer Vorfahren in einer Vielzahl genetischer Gruppen hat, und alle genetischen Gruppen z.B. für die Deutschen zusammen auf 322% kommen, wäre dann nur noch 5.1/3.22 = 1.58% der deutschen Genetik „jüdisch“, wofür man wirklich keine großen Erklärungen mehr braucht. Selbst in Kroatien, das nie eine bedeutende jüdische Gemeinde aufzuweisen hatte, fand sich jüdische Genetik bei 5.5% der Bevölkerung (mehr als bei Deutschen), was wohl kaum mit „Mischehen vor 1096“ erklärt werden kann.
Und ganz im Gegenteil zu den Versuchen der Delegimitisierung der europäischen Juden ist es erstaunlich, wie enorm einheitlich die Genetik europäischer Juden ist – weit über 90% (unter solchen, bei denen es nie zu Ehen mit Nichtjuden kam), im Gegensatz z.B. zu Deutschen, bei denen nur 17.3% der Genetik „nord-und westeuropäisch“, oder Italienern, bei denen nur 21.7% der Genetik „italisch“ sind.
Auch dass Aschkenasim ziemlich europäisch aussehen, und Sefaradim ziemlich orientalisch, muss nicht Genetik durch Vermischung mit den „Wirtsvölkern“ sein. „Schwarze“ in den USA sind genetisch Westafrikaner, aber im Vergleich mit „echten“ Westafrikanern sind sie höchstens leicht gebräunt, was demonstriert, wie schnell (innerhalb 200 Jahren) die Anpassung an anderes Klima passiert.
Noch ein weiterer Punkt könnte die europäischen Gene aschkenasischer Juden erklären helfen. Juden durften bis ins hohe Mittelalter in Mittel- und Westeuropa Sklaven halten, falls diese keine Christen waren. Der karolingische Schutzbrief sicherte den Juden sogar zu, dass die Kirche heidnische Sklaven nicht missionieren durfte. Aus frühmittelalterlichen byzantischen und arabischen Quellen ist uns bekannt, dass die Sklavenmärkte dieser Epoche voll von Sklaven slawischer Herkunft waren; teils Kriegsgefangene, teils solche, dies sich selber oder ihre Kinder als Sklaven verkauften. Daher werden in der rabbinischen Literatur Böhmen und Slawen überhaupt als „Kanaaniter“ bezeichnet. Aber die Halacha verlangt, dass Nichtjuden nur dann Sklaven sein können, wenn sie eine „unvollständige Konversion“ vollziehen, um dann nach ihrer Freilassung automatisch komplette Konvertiten zu werden. Dies würde auch erklären, dass auf dem mittelalterlichen jüdischen Friedhof in Erfurt zwei Typologien entdeckt wurden: Einerseits Personen mit ausschließlich levantinisch-jüdischer Genetik mit einem Anteil von höchstens 3% deutscher Genetik, und andererseits Personen mit einem hohem Anteil slawischer Genetik, die von freigelassenen Sklaven stammen könnte.
Zusammengefasst: Halachisch ist die Aussagekraft von DNA-Tests sehr begrenzt. Und auch die Genetik wird politisch mißbraucht.
Die wahre „jüdische Genetik“ aber ist keine, die sich mit der DNA nachweisen lässt. Sie wird von Maimonides (Rambam) in seinem halachischen Hauptwerk „Mischne Thora“ (Hil. Issurej Biah 19:17) wie folgt definiert (leicht gekürzt):
Alle Familien gelten als koscher und es ist ohne weiteres erlaubt, mit ihnen zu heiraten. Und dennoch, wenn du zwei Familien gesehen hast, die sich immer gegenseitig aufreizen, oder eine Familie gesehen hast, die immer voller Streit und Zank ist. Oder hast du einen Menschen gesehen, der sich mit allen streitet und rücksichtslos ist, solltest du sich von solchen fernhalten, denn das sind Zeichen, dass die Abstammung nicht koscher ist. Und ebenso derjenige, der andere immer schlechtmacht. Zum Beispiel, wenn er über Familien oder Einzelpersonen Andeutungen macht und sagt, dass sie Bastarde sind, befürchtet man, dass er selbst ein Bastard ist. Denn wer andere in Zweifel zieht, bringt über sich selbst Zweifel. Und gegenüber demjenigen, der rücksichtslos oder grausam ist, die Menschen hasst und ihnen keine Freundlichkeit entgegenbringt, haben wir die größten Zweifel. Denn die Kennzeichen Israels, des heiligen Volkes, sind Schamhaftigkeit, Barmherzigkeit und Wohltätigkeit.
Wer ist Jude: Eine Frage der Halacha!
Nach allem bereits gesagten sollte klar sein, dass nur eine Antwort auf die Frage „Wer ist Jude“ möglich ist: Wer nach der Halacha jüdisch ist.
Die Halacha ist der kleinste Nenner, dem alle zustimmen. Alles weitere ist Tagespolitik, die uns nicht interessieren sollte.
Aber was ist nun die halachische Definition?
Bis vor wenigen Jahrzehnten waren sich alle einig: Das Judentum ist matrilinear. Dann kamen einige ganz Schlaue daher und „bewiesen“ anhand einiger jedem halbwegs „Bibelfesten“ bekannter Schriftverse, dass das Judentum zumindest ursprünglich patrilinear gewesen sei, und erst in talmudischer Zeit auf „matrilinear“ umgestellt habe. Eine völlig absurde Idee: Die Rabbiner hätten ein so grundlegendes Prinzip des Judentums wie die Definition, wer Jude sei, geändert, und das gesamte Volk (unter denen es nicht wenige die rabbinische Autorität in Frage stellende Gruppen gab) hätte das einfach so akzeptiert? Dass diese epochale Entdeckung des ursprünglich patrilinearen Judentums bestimmten Strömungen des Judentums und deren Rabbinern höchst genehm war – ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Aber wie so vieles im Judentum, dass nicht in die üblichen Definitionen passt, ist die Sache etwas komplizierter. Denn eigentlich ist das Judentum nicht wirklich matrilinear, sondern tatsächlich patrilinear, aber bei einem halachisch illegitimen Vater wird nur die Mutter betrachtet. Was ist damit gemeint? Ich will versuchen, die Antwort darauf kurz und allgemeinverständlich zusammenzufassen, obwohl sie in Wirklichkeit etwas komplizierter ist.
Im Buch Leviticus finden wir folgende Erzählung:
(24:10) Es trat der Sohn einer israelitischen Frau, der aber der Sohn eines mizrischen (ägyptischen) Mannes war, in die Mitte der Söhne Israels hinaus, und es gerieten im Lager der Sohn der Israelitin und ein Mann, der ein Israelite war, in Streit. (11) Der Sohn der israelitischen Frau nannte ausdrücklich den Gottesnamen und lästerte, und man brachte ihn zu Mosche. Der Name seiner Mutter war Schelomith, Tochter des Dibri, aus dem Stamme Dan. (Übersetzung von Rabbiner S.R. Hirsch)
Worüber gerieten sie ihn in Streit? Der Sohn des Ägypters durfte zwar im Lager bleiben, da er Jude war. Aber das war ihm nicht genug, er wollte Mitglied des Stammes Dan sein. Das aber war ihm verwehrt: Da sein Vater Ägypter war, gehörte er zu keinem Stamm.
Wir sehen also hier und an anderer Stelle (z.B. Num. 1:18), dass die Zugehörigkeit zu einem Stamm oder einer Familie sich nach dem Vater richtet. Und jeder weiß, dass ein Kohen oder ein Levi dies aufgrund seines Vaters sind. Aber wenn sich alles nach dem Vater richtet, warum ist dann das Kind eines nichtjüdischen Vaters und einer jüdischen Mutter jüdisch? Die Antwort darauf findet sich im Talmud (Mischna Kidduschin 3:12, bKidduschin 68 a/b):
Dort, wo es Kidduschin (eine halachisch gültige jüdische Ehe) gibt und keinen Gesetzesverstoß, geht das Kind nach dem Vater. Und wer ist das? Die Tochter eines Kohen, Levi oder Israel die sich mit einem Kohen, Levi oder Israel verheiraten…
Aber wenn eine Frau sich nicht mit Kidduschin (halachisch gültig) verheiraten kann, ist das Kind wie sie. Und wer ist das? Das Kind einer Sklavin oder einer Nichtjüdin.
Damit sind wir aber nur einen Schritt weiter. Das Kind einer Nichtjüdin und eines Juden ist nicht jüdisch. Aber was ist im umgekehrten Fall? Auch die Heirat eines Nichtjuden mit eine Jüdin ist nicht halachisch gültig, warum ist das Kind dann jüdisch? Die Antwort darau findet sich an anderer Stelle im Talmud (bJewamot 98a): Nichtjuden haben keinen Vater. Bei Nichtjuden richtet sich tatsächlich alles nur nach der Mutter, und da der Vater nicht in Betracht gezogen wird, bleibt nur die jüdische Mutter und das Kind ist jüdisch wie sie, wie der Talmud ausdrücklich sagt (bJewamot 45a): Das Kind einer Jüdin von einem Nichtjuden oder Sklaven ist „koscher“, d.h. ein vollgültiger Jude.
Zusammengefasst: Wenn die Mutter jüdisch ist, ist das Kind jüdisch, da wir den nichtjüdischen Vater nicht in Betracht ziehen. Aber grundsätzlich richtet sich die „Stammlinie“ eines Juden nach seinem Vater.
Da der Vater keine Rolle spielt, ist übrigens Nichtjuden, obwohl ihnen Inzest mit den „sieben noachidischen Geboten“ verboten ist, prinzipiell die Heirat mit Halbgeschwistern vom desselben Vaters erlaubt.
Und was ist mit einem Juden, der dem Judentum den Rücken kehrt und sich taufen läßt oder in einen indischen Aschram eintritt? Aufgrund des talmudischen Diktums (bSanhedrin 44a) „Sogar wenn er gesündigt hat, bleibt er ein Israelit“, bleibt er halachisch Jude. Aber ein Verräter am Judentum ist er, und als solcher verlangt die Halacha, ihn zu ächten, bis er zum Judentum zurückkehrt. Bei Konvertiten aber ist das nicht der Fall, ihre Zugehörigkeit zum Judentum ist zumindest anfangs „auf Probe“. Wenn ein Konvertit innerhalb kurzer Zeit nach seinem Giur sich vom Judentum abwendet (גר שחזר לסורו), ist davon auszugehen, dass er nie vorhatte, als Jude zu leben, und der Giur kann in bestimmten Fällen retroaktiv für ungültig erklärt werden.
Abschließend noch eine Idee des amerikanischen Rabbiners Jitzchak Huttner („Pachad Jitzchak“, 1906-1980): Warum hat das Judentum „Drei Väter“? Awraham war der erste Konvertit, und damit der Vater des Prinzips, dass jeder Mensch durch Giur Jude werden kann. Jitzchak war der erste geborene Jude und damit Vater des Prinzips, dass jeder von Juden geborene selber Jude ist. Und Jakow ist Vater des Prinzips, dass ein Jude nie seine Angehörigkeit zum Judentum verlieren kann (eigentlich ist es sein Zwillingsbruder Esaw, bei dem wir wegen seines gotteslästerlichen Verhaltens seine Zugehörigkeit zum Judentum in Frage stellen könnten, der aber trotz allem Jude bleibt, und Jakow wird hier nur stellvertretend für seinen „unwürdigen“ Bruder genannt).
Warum also „Berur Jahadut“?
Und damit kommen wir zurück zum Ausgangspunkt dieses Artikels. Kann Tukokino glaubhaft behaupten, dass er jüdisch sei?
Zeitgenössische rabbinische Autoritäten würden Tukokino keinen Glauben schenken. Denn zunächst einmal ist die Regel, dass eine Person, die behauptet, Jude zu sein, glaubwürdig sei, nur dann gültig, wenn uns nichts Gegenteiliges bekannt ist. Aber bei einer Person, die als Nichtjude bekannt ist (מוחזק כגוי), ist diese Behauptung nicht ausreichend. Zudem beruht diese Regel auf der historischen Tatsache, dass es stets Nachteile brachte, Jude zu sein, und kein Nichtjude auf die Idee gekommen wäre, sich als Jude zu bezeichnen. Es konnte schon mal vorkommen, dass ein Hans oder Iwan sich in ein Judenmädel verliebt hatte und es heiraten wollte. Aber der Schwindel wäre schnell aufgeflogen, sobald er sich als völlig unwissend in jüdischen Sitten herausgestellt hätte. Heute aber kann es durchaus Vorteile bringen, sich als Jude zu bezeichnen, und leider sind auch viele Juden fast völlig ignorant (zumal solche aus der ehemaligen Sowjetunion).
Es ist also klar, dass die einfache Behauptung einer Person, Jude zu sein, nicht ausreicht. Er muß seine Behauptung glaubhaft beweisen können.
Aber wie sieht es mit einer Person aus, die nicht nur nicht als Nichtjude bekannt, sondern sogar geradezu als jüdisch bekannt ist? „Weiß doch jeder, dass NN Jude ist, schon sein Großvater war in unserer Gemeinde aktiv“. Leider ist auch das nicht mehr genug. Ein konkretes Beispiel aus Deutschland, das über 30 Jahre zurückliegt: Der jüdische Vater eines Kindes mit nichtjüdischer Mutter will für seinen Sohn eine „richtige“ Bar Mitzwah- Feier. Der orthodoxe Rabbiner weiß Rat: Er bestellt den Jungen zu sich, bringt noch zwei „Impromptu-Rabbiner“ mit, und unterzieht ihn einer Blitzkonversion. Beschnitten ist er schon (es gab damals in Deutschland einen Mohel, der gegen angemessene Bezahlung Kinder jüdischer Väter zu beschneiden bereit war). Der Rabbiner fragt ihn, ob er immer ein guter Jude sein will, der dem Judentum Ehre macht? Na klar will er das, und damit ist der TOP „Akzeptanz der Thora“ abgehandelt. Abschließend erklärt der Rabbiner dem Jungen, dass er zur Ehre des großen Tages seiner „Bar Mitzwa“ (vor den Augen des „Rabbinatsgerichts“, wie es die Halacha fordert) halachisch korrekt (also unbekleidet) in der Mikwe untertauchen soll. Die Beteiligten (die mir persönlich bekannt sind) sind zwar meines Wissens über den Verdacht der Pädophilie erhaben, aber eine Konversion ohne Wissen des Konvertiten ist halachisch unwirksam. Glücklicherweise hat sich die Situation in Deutschland, was die halachisch korrekte Durchführung von Konversionen betrifft, zum Besseren gewandelt, aber der in den letzten Generationen entstandene Schaden ist nur schwer zu reparieren.
Damit sollte hinreichend klar sein, dass ohne eine Überprüfung z.B. keine Person in eine jüdische Gemeinde aufgenommen oder jüdisch verheiratet werden sollte. Aber sollte das nicht Aufgabe des Gemeinde- oder Landesrabbiners sein?
Die Antwort darauf ist simpel: In den meisten Fällen kann ein Rabbiner diese Arbeit nicht leisten, so wie ja auch niemand von einem Rabbiner erwartet, dass er eine Mikwe bauen, ein Hähnchen schächten oder ein Kind beschneiden kann. Natürlich kennt der Rabbiner die theoretisch-halachischen Grundlagen. Aber es fehlen ihm die „Werkzeuge“, dieses Wissen in die Praxis umzusetzen. Und da dieses praktische Wissen fehlt, verordnet der Rabbiner in nicht wenigen Fällen, die ihm zweifelhaft bleiben, den „Giur lechumra“ (גיור לחומרה), also die „Konversion aus Zweifel“. Dies sollte aus mehreren Gründen vermieden werden: Etwa, da eine Konvertitin nicht einen Kohen heiraten darf. Und auch, da nicht immer eine Person, die ja nur ihr Judentum bestätigt wissen will, überhaupt die minimalen Voraussetzungen für eine halachisch gültige Konversion erfüllt. Und ganz allgemein verlangt die Halacha, dass jeder Zweifel, der mit einem angemessenen Aufwand geklärt werden kann, auch geklärt werden muss. „Unwissenheit ist nicht Zweifel, sondern Ignorantentum“, wie es unsere Rabbiner formulierten. Wenn also der Gemeinderabbiner den Zweifel nicht klären kann, muß er einen Experten zu Rat ziehen.
Womit wir zum Begriff „Berur Jahadut“ (ברור יהדות), „Verifizierung der Zugehörigkeit zum Judentum“, kommen. Dieser Begriff bezeichnet die praktische Umsetzung der halachisch notwendigen Prüfung, ob eine Person tatsächlich jüdisch ist, durch dafür geschulte Experten. Als Beispiel für einen solchen Experten will ich meinen bereits erwähnten Freund Simcha Friedmann nennen: Er ist in Riga geboren und aufgewachsen, spricht Russisch und Lettisch auf muttersprachlichem Niveau und auf nicht so hohem Niveau noch einige weitere Sprachen, kennt die jüdische Geschichte der Teilstaaten der ehemaligen Sowjetunion, die Mentalität der dortigen Juden und Nichtjuden und weiß auch, wieviel Vertrauen offiziellen Dokumenten geschenkt werden kann (bzw. wie diese manipuliert wurden). Darüberhinaus hat er, wie seine drei Bücher beweisen, auch die halachisch-theoretischen Grundlagen des Themas umfassend erlernt. Und da er seit mehreren Jahren als Angestellter eines großen israelischen Rabbinats die jüdische Abstammung von Personen jeglicher Herkunft überprüft, die sich dort zur Eheschließung registrieren lassen wollen, ist er mittlerweile nicht nur Experte für das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, sondern für Juden und solche, die es behaupten zu sein, aus aller Welt.
Der Ablauf ist prinzipiell derselbe für jede Person: Die Prüfung geht in mütterlicher Linie zurück bis zur Generation, ab der zivilrechtlich Ehen zwischen Juden und Nichtjuden möglich waren. Das entspricht dem halachischen Prinzip „Man prüft nicht oberhalb des Altars“ (bKidduschin Mischna 4:5), d.h. von einem Kohen, von dem uns bekannt ist, dass er Tempeldienst verrichtete („auf dem Altar stand“), können wir sicher sein, dass er, und damit auch alle seine legitimen Nachkommen, Kohanim sind. Je nach Land ist dieser Zeitpunkt, vor dem eine Prüfung unnötig ist, höchst unterschiedlich: In Deutschland wurde die Zivilehe 1810 in der „Franzosenzeit“ in den von Frankreich okkupierten und annektierten Gebieten eingeführt (wobei es damals wohl kaum zu Ehen zwischen Juden und Nichtjusden kam, da die gegenseitige Abneigung noch zu groß war), dann in der Restaurationszeit überall wieder abgeschafft, bis sie dann ab 1855 (Oldenburg, Bremen) allmählich in den deutschen Teilstaaten wieder eingeführt und letztlich 1876 im gesamten deutschen Reich verpflichtend wurde. In Rußland dagegen wurde die Zivilehe erst nach der Revolution 1917 per Dekret angeordnet. Und in Jemen existiert sie bis heute nicht.
Zusammengefasst: Es sollte (leider) eine Selbstverständlichkeit sein, dass ohne einen „Berur Jahadut“ niemand in eine jüdische Gemeinde aufgenommen oder für eine jüdische Eheschließung zugelassen wird. In israelischen Rabbinaten ist es in den letzten Jahren, aufgrund der geschilderten Probleme, Standard geworden. Und die Durchführung des „Berur Jahadut“ sollte, ohne Einmischung von außen, nur durch unabhängige Experten erfolgen.
Sehr geehrter Herr Ihaia Te Kirikumara, dem Antrag auf Anerkennung als Jude kann nicht entsprochen werden. Einspruch ist nicht zugelassen.